"Das Bild" - Text von Tina Jaschul

"Das Bild" - Text von Tina Jaschul

 (entstanden nach dem Atelierbesuch im Kunsthaus Tacheles)

Davor ist Danach. Im Räumen und Vorbereiten, im Abstimmen und Austauschen, im Suchen und Gebärden, liegen geheime Schwingung, als lägen Befehle in der Luft. Unhörbar für den Betrachter, lenken sie die Beteiligten von rechts nach links. Lassen sie nach Pinseln, Farben, Dosen, Krügen, Kartons und Eimern greifen. Es wird gemischt und im Hintergrund ein Mülleimer nach einem letzten Rest verschollener Farbe durchforstet. Nichts an seinem Platz und doch alles am rechten Ort. Irgendwann verebbt das Stimmengewirr. Worte werden durch Blicke verdrängt, denn im Betrachten hängt Seele, die nach außen gestülpt gehört. Irgendwann verhaken sich Beobachtung und Gedanken, bis unfeststellbar ein Gemenge aus zufälliger Idee und sichtbarer Realität seinen Weg über verschlungene Impulse in das Bild hineinschafft. Hoch konzentriert gilt es komplexe Zusammenhänge zu begreifen, als seien es algorithmische Gleichungen. Ab und zu ein Blitzlicht, das Beweise einfängt, wie flüchtige Gedanken. Da manifestiert es sich nun. Das Bild. Doch was stellt es dar? Das Gesehene? Das Gedachte? Mit leichter Hand, furchtloser Inspiration zu Papier gebracht oder in großer Konzentration der Natur nachempfunden. Fester Pinselstrich löst fahrigen Bleistift ab. Wässrige Farbwelten entstehen neben durchdringenden Studien. Flüchtige Geister und hungrige Untote. Auf den Leinwänden und Zeichenblöcken keine Dokumentationen, keine Wahrheitssuche, kein gemeinsamer Nenner obgleich alle Blicke auf dem Betrachteten ruhen. Einigkeit ja, doch vom Auge durch den Körper entgleiten den feinen Härchen der Pinsel Interpretationen, denen die Einigkeit kaum mehr anzusehen ist. Wie nach großer Anspannung zerfließt das Bild der fleißigen Maler irgendwann. Die Konzentration lässt nach. Gespräche überlagern die Schichten der Farbe. Nun wird mit Worten gemalt, nachgebessert und nach ersten Urteilen gesucht. Das Bild scheint wie das Leben. Angefüllt mit Codes, die es zu entschlüsseln gilt. Wie viel des Betrachters, wie viel des Betrachteten ist in es geflossen? Im Raum entsteht das zwanglose Zusammensein, wie noch vor zwei Stunden, bevor das Seminar begann. Es ist, als sei den Teilnehmer der Zweck ihres Kommens entfallen, wie als handle es sich um eine zufällige Idee, die sie alle zusammengebracht hat.

Tina Jaschul (Berlin, 2011)